Über den Zusammenhang von Stress und Kinderwunsch

Werde ich nicht schwanger, weil ich zu viel Stress habe?

Viele Betroffene vermuten, dass Stress die Ursache ihrer ausbleibenden Schwangerschaft sein kann. In diesem Artikel gehe ich dieser Frage nach. Außerdem geht es um die Gefühle, die eine ausbleibende Schwangerschaft häufig auslöst. Die möglichen Auswirkungen von Stress auf Verhalten und Schwangerwerden werden ebenfalls beleuchtet.  

  • Kann Stress dazu führen, dass man dauerhaft nicht schwanger wird?
  • Kann eine Kinderwunschbehandlung Stress auslösen?
  • Welche weiteren Faktoren können eine Rolle spielen, wenn man nicht schwanger wird?

Die Wirkung von kurzfristigem Stress kennen wir vermutlich alle - wir sind erst einmal leistungsfähiger. Auch dass dauerhafter Stress belastend ist, dürfte für viele kein Geheimnis sein. Doch kann zu viel Stress auch die Ursache dafür sein, dass man nicht schwanger wird? Viele Betroffene stellen sich früher oder später genau diese Frage. Vielleicht haben manche auch schon gut gemeinte Ratschläge der folgenden Art bekommen, zum Beispiel "Fahr doch mal in den Urlaub, dann klappt's auch mit dem schwanger werden". Vielleicht kennen einige auch Paare, bei denen das sogar funktioniert hat.  

Manche machen sich große Sorgen, dass sich der erlebte Stress auf die Wahrscheinlichkeit schwanger zu werden auswirkt. Und das unabhängig davon, ob man sich in einer Kinderwunschbehandlung befindet oder nicht. Fragt man Betroffene selbst, so wird beruflicher und privater Stress als vermutete Hauptursache für den unerfüllten Kinderwunsch genannt. Wird dann vom Arzt oder der Ärztin eine Kinderwunschbehandlung empfohlen, scheint dieses subjektive Bild zu stimmen. Manche geben sich dann selbst die Schuld an dieser Situation. Sogar dann, wenn es einen medizinischen Grund für die ausbleibende Schwangerschaft gibt und Stress als Ursache ausgeschlossen werden kann. 

Aber auch wenn die Ursache der ausbleibenden Schwangerschaft ungeklärt ist, geben sich Betroffene oft selbst die Schuld daran. Psychologisch betrachtet ist das auch erklärbar. Ob man schwanger wird oder nicht, entscheiden letztendlich Vorgänge im Körper, die nicht direkt beeinflussbar sind. Gibt man sich nun selbst die Schuld daran, lässt das eine nicht beeinflussbare Situation kontrollierbar erscheinen, weil man die Ursache kennt. Denn unsere angeborene Neugier lässt uns Menschen nach Ursachen und Zusammenhängen für beobachtete Phänomene suchen. Und nur wenn man die Ursache kennt, kann man etwas verändern. So grübeln manche über Fragen wie zum Beispiel "Ist Stress der Grund, dass ich nicht schwanger werde?". Sich selbst die Schuld zu geben, beantwortet solche Fragen nach der Ursache erst einmal. 

Egal, ob es eine medizinische Ursache gibt oder noch keine Ursache für die ausbleibende Schwangerschaft gefunden wurde: Man ist in keinem Fall Schuld daran, dass man nicht schwanger wird. Es gibt bisher keinen eindeutigen wissenschaftlichen Beleg dafür, dass psychischer Stress eine Schwangerschaft dauerhaft unmöglich macht. Es kann sein, dass es im Internet Studien oder (Fach-)Artikel gibt, die diesen Zusammenhang beschreiben: Gestresste Frauen haben Schwierigkeiten, schwanger zu werden. Das heißt aber noch lange nicht, dass Stress auch die Ursache dafür ist. Es glaubt ja auch niemand (mehr), dass Störche Kinder bringen - auch wenn statistisch betrachtet mehr Kinder in den Gebieten geboren werden, in denen viele Störche leben. Die Ursache für diesen beobachteten Zusammenhang ist eine andere: Störche nisten in ländlichen Gebieten und die sozio-ökonomische Bedingungen dort führen dazu, dass die Menschen in diesen Gebieten durchschnittlich mehr Kinder bekommen. 

Aber wie hängen Schwangerwerden und Stress sonst zusammen? Und welche weiteren Faktoren spielen eine Rolle dabei? Diese Fragen sind berechtigt. Denn die psychischen Auswirkungen einer immer wieder ausbleibenden Schwangerschaft oder einer Kinderwunschbehandlung können viele Paare emotional sehr belasten.  

Wenn es über einen längeren Zeitraum mit der Schwangerschaft nicht klappt, belastet das häufig beide Partner gleichermaßen. Das gilt auch für eine Kinderwunschbehandlung. Frauen erleben es häufig als starke emotionale Krise, wenn sie wiederholt nicht schwanger werden. Schwangerwerden ist in vielen Gesellschaften traditionell sehr stark mit dem "Frau sein" verbunden. Manchmal wird es sogar noch gleichgesetzt. Auch in Bezug auf Männer gibt es häufig noch ähnliche Bilder: Man ist kein "richtiger" Mann, wenn die Partnerin nicht schwanger wird. Solche oder andere Vorstellungen sind häufig noch unterbewusst in uns vorhanden. Manche Männer fühlen sich dann als Versager oder schämen sich. Es können aber auch eigene Erwartungen oder Vorstellungen sein, die solche oder ähnliche Gefühle auslösen. Wenn (eigene oder fremde) Erwartungen nicht erfüllt werden, kann das Angst und Stress auslösen. Es fällt vielen (Frauen und Männern) schwer, sich mit dieser Situation auseinanderzusetzen oder sich Hilfe zu holen.  

Bei manchen löst schon das Ausbleiben einer Schwangerschaft Angst oder Stress aus. Bei anderen entstehen solche Gefühle erst während einer Kinderwunschbehandlung. Sie können im Verlauf einer Kinderwunschbehandlung auch zunehmen. Dieser psychische Stress wird von Betroffenen häufig als belastender erlebt als die medizinische Behandlung selbst. Ursache und Wirkung sind in der Psychologie aber oft keine Einbahnstraße. Das heißt, das Warten auf eine Schwangerschaft (auch während einer Kinderwunschbehandlung) kann psychischen Stress bewirken. Aber umgekehrt kann psychischer Stress sich auch auf das Schwangerwerden auswirken. Wie ist das genau gemeint?  

Schauen wir zunächst einmal, wie eine Kinderwunschbehandlung psychischen Stress verursachen kann. In einer Kinderwunschbehandlung kommt es immer wieder zu Wartezeiten. Ein Beispiel ist die Zeitspanne zwischen Embryotransfer und Schwangerschaftstest. Das sind ungefähr 14 Tage. Sie wird von vielen Betroffenen als die größte Zerreißprobe in der Kinderwunschbehandlung erlebt. Während dieser Wartezeit hofft man, dass man schwanger wird.  

Nun ist Hoffen grundsätzlich ein eher positives Gefühl. Während dieser Wartezeit wird das Hoffen jedoch von vielen als sehr belastend erlebt. Oft ist es eher ein Hoffen und Bangen. Denn eine Kinderwunschbehandlung wird in Deutschland nur teilweise von den Krankenkassen übernommen. Was ist, wenn es diesmal wieder nicht klappt? Kann ich mir einen weiteren Versuch noch leisten? Verschulde ich mich vielleicht und bleibe am Ende trotzdem kinderlos? Solche Fragen können eine:n Einzelne:n, aber auch die Partnerschaft stressen. Die Ursache für diesen Stress ist dann die Kinderwunschbehandlung. 

Jetzt kommen wir zum umgekehrten Fall, nämlich wie sich Stress auf das Schwangerwerden auswirken kann. Wenn Menschen gestresst sind, kann das ihr Verhalten verändern. Auf der Arbeit reagieren manche bei Stress vielleicht gereizter oder gönnen sich einen Schokoriegel als Ersatz für das ausgefallene Mittagessen. Wenn Schokoriegel nicht das neue Standard-Mittagessen werden, ist das auch kein Problem. Führt Stress aber dazu, dass bestimmtes Verhalten dauerhaft beibehalten wird, kann das ungünstig für das Schwangerwerden sein. Solche ungünstigen Verhaltensweisen können sein:  

  • Gestörtes Essverhalten: es wird dauerhaft viel zu viel (zum Beispiel in Form von Essattacken), sehr wenig oder sehr unregelmäßig gegessen (zum Beispiel nur ein Mal am Tag); hierzu gehört auch eine sehr stark eingeschränkte Lebensmittelauswahl wie zum Beispiel nur Eiweiß und Gemüse zu essen 
  • Hochleistungssport oder dauerhaftes Auspowern beim Sport (siehe hierzu auch unseren Beitrag "Sollte man speziell sportlich aktiv sein?") 
  • Übermäßigen Konsum von Genussmitteln (z. B. zu viel Alkohol oder Rauchen), Medikamentenmissbrauch (zum Beispiel Beruhigungs- oder Aufputschmittel) oder Drogeneinnahme 
  • Kein Geschlechtsverkehr an fruchtbaren Tagen 
  • Mehr Streit in der Partnerschaft 
  • Medizinische Behandlungen werden bejaht, aber nicht begonnen oder eingehalten

Stress kann sogar dazu führen, dass weitere Behandlungsschritte abgelehnt werden: Man schafft es einfach nicht mehr, den Behandlungsplan fortzuführen. Man traut sich einen weiteren Versuch nicht mehr zu. Man ist emotional so belastet, dass man die Behandlung nicht fortsetzen kann oder sogar ganz abbricht.

Stress und Schwangerwerden sind also nicht unabhängig voneinander. Das liegt daran, dass in unserem Körper bei Stress einfach andere Prozesse ablaufen. Und dann kann es für manche auch schwieriger sein, schwanger zu werden. Es ist aber auch nicht so, dass Stress eine Schwangerschaft auf jeden Fall verhindert. 

Wird man nicht schwanger (auch nicht während einer Kinderwunschbehandlung), kann das unterschiedliche Gründe haben. In vielen Fällen hat das eine medizinische Ursache. Hier ist der erlebte Stress also eher eine Wirkung oder Folgeerscheinung als die Ursache. Für viele Betroffene beginnt Stress mit dem Ausbleiben einer Schwangerschaft oder im Laufe einer Kinderwunschbehandlung. Egal zu welchem Zeitpunkt er entsteht - Stress kann sich ungünstig auf das eigene Verhalten und dadurch auf das Schwangerwerden auswirken. 

  • Meistens ist Stress nicht der Grund für eine dauerhaft ausbleibende Schwangerschaft, sondern eine medizinische Ursache.  
  • Stress kann durch eine Kinderwunschbehandlung entstehen, zum Beispiel durch die Wartezeiten. Aber auch das Warten auf eine Schwangerschaft in der Zeit vorher kann Stress auslösen.  
  • Durch Stress können bestimmte Verhaltensweisen entstehen, die sich ungünstig auf das Schwangerwerden oder eine Kinderwunschbehandlung auswirken können. 

Manchen Menschen hilft es, wenn sie sich vor oder auch während einer Kinderwunschbehandlung psychologische Unterstützung suchen. Man kann lernen, mit Belastungen wie Wartezeiten oder partnerschaftlichen Problemen besser zurecht zu kommen. Wenn Ihr Euch eher allgemein für den Umgang mit schwierigen Situationen interessiert, findet Ihr in unserem Beitrag zu Resilienz weitere hilfreiche Informationen. Wenn Ihr gerne direkt mit einem Psychologen oder einer Psychologin sprechen möchtet, könnt Ihr gerne über den Button "Psychologischer Support" kurzfristig einen Termin mit uns vereinbaren. Wir sind für Euch da!