Ich fühle mich ausgegrenzt, weil ich kinderlos bin.

Plötzlich einsam in der Kinderwunschzeit - Was kann ich tun?

Solange der Kinderwunsch noch nicht konkret ist, ist es meistens kein Problem, wenn andere Kinder haben und man selbst noch nicht. Für die meisten wird dieser Unterschied erst dann schwierig, wenn der Kinderwunsch konkret ist und sich nicht so leicht erfüllen lässt: Eine Kinderwunschbehandlung ist nötig und ob sich dadurch der Kinderwunsch erfüllt, ist ungewiss. Oft sind Kinder ein zentrales Gesprächsthema bei Freunden, die Eltern sind und bestimmen deren Alltagsstruktur in starkem Ausmaß: Der elterliche Terminkalender richtet sich oft danach, wann Kinder wo hingebracht oder abgeholt werden müssen.  

Gerade in der Zeit der Kinderwunschbehandlung kann es vorkommen, dass Du Dich ausgegrenzt fühlst, weil Du (noch) keine Kinder hast. Die Grenze ist in diesem Fall eine „natürlich vorhandene“ Grenze. Das Problem daran ist, dass sie – im Gegensatz zu „künstlichen“ Grenzen wie beispielsweise Landesgrenzen oder der „Nichtrauchergrenze“ - nicht einfach überschritten werden kann, wenn man das möchte. Es ist daher nachvollziehbar, wenn Du Dich ausgegrenzt fühlst. Wir Menschen können im Allgemeinen besser mit Situationen umgehen, wenn wir sie verstehen. Dann können wir unsere Emotionen und Reaktionen oft besser handhaben. Deswegen gehe ich in diesem Artikel darauf ein, woher das Gefühl der Ausgrenzung in dieser speziellen Situation kommen kann. Außerdem gebe ich Dir einen Tipp, was Du tun kannst, damit Du besser mit dem Gefühl der Ausgrenzung umgehen kannst. 

  • Warum fühle ich mich als ungewollt Kinderlose:r ausgrenzt?
  • Was kann ich tun, damit ich mich weniger ausgegrenzt fühle?
  • Kann mich jemand verstehen, der nicht selbst ungewollt kinderlos ist?

Wie oben beschrieben, ist die Zugehörigkeit zur Gruppe der Eltern nur begrenzt selbst beeinflussbar. Hinter dem Gefühl der Ausgrenzung steckt die Basisemotion „Angst“. In diesem Fall die Angst davor, nicht dazuzugehören. Dieses Gefühl zu haben ist normal – wir alle kennen Gruppen, zu denen wir gern dazugehören würden. Das wirft bei vielen die folgende Frage auf: Wenn der Wunsch nach Zugehörigkeit so grundlegend ist, warum achten wir dann nicht mehr darauf, dass sich andere durch unsere Äußerungen oder Verhaltensweisen nicht ausgegrenzt fühlen? 

Zunächst einmal ist das Ausgrenzungsgefühl auf „der einen Seite“ nicht immer auch von „der anderen Seite“ beabsichtigt. Ein großer Teil unserer Reaktionen läuft automatisch und damit unterbewusst ab. Das soll bedeuten, dass eine Äußerung wie z. B. „Du kannst das nicht verstehen, weil Du keine Kinder hast“ nicht zum Ziel haben muss, Dich ausgrenzen zu wollen. Gerade wenn es Dein:e Freund:in zu Dir sagt, würde ich stark vermuten, dass er oder sie Dich nicht bewusst ausgrenzen möchte. Vielleicht fällt es dem- oder derjenigen auch gerade nur schwer, das Problem oder Thema anders zu erklären – also einen anderen Blick auf die Dinge einzunehmen. Woran kann das liegen, dass Eltern sich nicht oder nur wenig in die Lage von Menschen mit unerfülltem Kinderwunsch hineinversetzen können?  

Wenn Du in einer Kinderwunschbehandlung bist, dann hast Du wahrscheinlich auch schon einmal den Wunsch gehabt, Dich mit anderen Betroffenen auszutauschen. Aber in Deinem Umfeld kennst Du keinen, dem es genauso geht. Genau das verdeutlicht, warum der Perspektivenwechsel schwierig sein kann: Ungewollte Kinderlosigkeit ist leider immer noch ein Tabuthema – es wird nicht offen darüber gesprochen und ist gefühlt „ein Makel“. Dementsprechend fehlt in der breiten Masse schlicht das Wissen über die tatsächlichen Ursachen von Kinderlosigkeit. Weit verbreitet sind die Ansichten, es läge daran, dass die Pille zu lange genommen wurde oder am beruflichen oder privaten Stress. Das ist tatsächlich aber nicht der Fall. Und weil ungewollte Kinderlosigkeit ein Tabuthema ist, wird dieses Weltbild auch nicht geradegerückt. Zumindest nicht von allein. Den meisten Eltern fehlt also verständlicherweise die Erfahrung im Umgang mit Betroffenen, da ungewollte Kinderlosigkeit kein Alltagsthema ist. Hier deutet sich schon an – Du kannst etwas tun!  

Nachdem ich Dir nun einen kleinen Einblick in die Perspektive der Eltern gegeben habe, komme ich nun zu dem, was Du tun kannst: Du kannst versuchen, den Eltern beim Perspektivwechsel zu helfen. Ich sehe hier zwei Möglichkeiten. Die erste nenne ich „Aufklärungsdauermodus“, die zweite „Fokus-Aufklärung“. 

Der „Aufklärungsdauermodus“ sähe wie folgt aus: Du rückst bei allen Deinen Freund:innen und Bekannten das Weltbild grade. Du erzählst ihnen, welche Ursachen für Kinderlosigkeit es im Allgemeinen gibt. Und vielleicht auch, welche Ursache bei Dir vorliegt. Und wann Du Dich durch welche Äußerungen oder durch welches Verhalten ausgegrenzt fühlst. Das erfordert zum einen eine gute Portion Mut und zum anderen auch eine Menge Kraft. Denn es geht hier um ein sensibles und sehr persönliches Thema. 

Etwas konkreter könnte diese Option wie folgt aussehen: Du könntest Dir beispielsweise abgestufte Versionen für ein Gespräch zurechtlegen, zum Beispiel eine für enge Freund:innen und eine für losere Freund:innen. Dann träfe Dich das Thema nicht unvorbereitet und es würde Dir etwas Sicherheit geben. Der Haken am „Aufklärungsdauermodus“ ist die Erfolgsaussicht. Denn ob Du es schaffst, dass jemand Deine Perspektive einnehmen kann, hängt nicht nur von Dir ab. Das hängt auch stark davon ab, ob der oder die andere das will – also ob er oder sie bereit ist, sich auf einen neuen Blickwinkel einzulassen. Denn einen neuen Blickwinkel einzunehmen ist mit einer gewissen Unsicherheit verbunden: Gilt mein vorhandenes Weltbild dann noch? Nicht jede:r empfindet diesen Zustand als bereichernd.  

Aus diesem Grund würde ich Dir die Option „Fokus-Aufklärung“ empfehlen. Dabei würdest Du zunächst ein gedankliches Screening Deines Freundeskreises machen: Bei wem könntest Du Dir vorstellen, dass er oder sie offen für einen Perspektivwechsel ist? Wer wäre zu einem offenen Gespräch bereit? Wer kann gut zuhören? Im Ergebnis sollten das eine bis maximal drei Personen sein. Das reicht für den Anfang.  

Vielleicht fragst Du Dich jetzt, wie Du so ein Gespräch gestalten kannst. Hierbei ist wichtig, dass Du in „Ich-Botschaften“ sprichst. Ich-Botschaften bedeuten nicht, dass Du egozentrisch bist, sondern dass Du von Dir sprichst – und nicht davon, was der oder die andere meint, beabsichtigt oder denkt. Ich-Botschaften sind wie ein „Gefühlsthermometer“: Sie zeigen anderen, wie Du Dich fühlst, wie es Dir in bestimmten Situationen geht, was bei Dir ankommt. Das können zum Beispiel Sätze sein wie „Ich fühle mich ausgegrenzt“ oder „Ich fühle mich verletzt, weil ich auch so gerne ein Kind hätte“.  

Ich-Botschaften sind auch wichtig für Dein:e Gesprächspartner:in: Was bei Dir vielleicht als Ausgrenzung ankommt, ist nicht zwangsläufig als Ausgrenzung auf den Weg geschickt worden. Mit Ich-Botschaften signalisierst Du, dass Du dem oder der anderen keine Absicht unterstellst. Du sagst lediglich, wie eine Aussage oder ein Verhalten bei Dir angekommen ist und nicht, was Dein Gegenüber damit gemeint hat. Dann kann Dein:e Gesprächspartner:in vergleichen, ob das die Botschaft ist, die er oder sie abgeschickt hat. Damit trägst Du entscheidend dazu bei, dass Dein:e Gesprächspartner:in sich nicht angegriffen fühlt. Und das wiederum ist eine wichtige Voraussetzung für einen Perspektivwechsel - denn bei einem Angriff geht man tendenziell zur Abwehr oder gar Verteidigung über.  

Vielleicht fragst Du Dich, ob jemand Deine Perspektive wirklich verstehen kann, wenn er oder sie die Situation nicht selbst erlebt hat. Ob das möglich ist, hängt von Deinem Gegenüber ab. Letztendlich ist die Antwort auf diese Frage aber auch nicht entscheidend. Denn manchmal kann Erfahrung den Blickwinkel auch begrenzen. Selbst wenn sich zwei Personen zeitgleich in derselben Situation befinden, bedeutet das nicht, dass sie die Situation auch gleich erleben. Es kann auch sein, dass gerade die Ähnlichkeit einer Erfahrung Deine:n Gesprächspartner:in unbewusst dazu verleitet, vorschnell eine „Einordnung“ vorzunehmen – ein normaler Vorgang im Gehirn, der die Verarbeitung von Informationen beschleunigt. Eine unbekannte oder neue Erfahrung hingegen muss zunächst „verstanden“ werden, bevor sie eingeordnet werden kann. Dadurch können Rückfragen entstehen, die das Verstehen fördern. Lass Dich also nicht davon abschrecken, dass Deine Situation für Dein Gegenüber erst mal neu ist. Vielleicht stellen sie Dir genau deshalb besonders einfühlsame Rückfragen.  

  • Das Gefühl der Ausgrenzung kann entstehen, weil ungewollte Kinderlosigkeit ein Tabuthema ist. Dadurch kennen die meisten die tatsächlichen Ursachen ungewollter Kinderlosigkeit nicht. Durch diese Wissenslücke fehlen Nicht-Betroffenen die Kompetenzen im Umgang mit den Betroffenen.
  • Du kannst versuchen, einen Perspektivwechsel anzuregen. Ob dieser gelingt, hängt stark von der Bereitschaft des jeweiligen Gesprächspartners bzw. der jeweiligen Gesprächspartnerin ab. Anstatt den gesamten Freundeskreis als Zielgruppe zu wählen, ist es aussichtsreicher, eine bis drei Personen aus deinem Freundeskreis auszuwählen. Diese sollten eine grundsätzliche Offenheit für andere Sichtweisen mitbringen und bereit sein, ein Gespräch mit Dir zum Thema „ungewollt kinderlos“ zu führen.
  • Ähnliche Situationen erlebt zu haben kann bewirken, dass Schilderungen schneller kategorisiert werden. Nicht-Betroffene können Situationen und die damit verbundenen speziellen Gefühle nicht so schnell einordnen. Das Sprechen über eine nicht selbst erlebte Situation kann ihnen helfen, diese besser zu verstehen. In einem solchen Fall sind Rückfragen wahrscheinlicher – und diese fördern wiederum das Verständnis.

Ich hoffe, dass Dir die Tipps im Umgang mit der empfundenen Ausgrenzung helfen. Wenn Du das Gefühl hast, dass Du dafür Unterstützung brauchst, könntest Du als Mitglied von MentalStark über den Button „Psychologischer Support“ einen individuellen Gesprächstermin vereinbaren. 

Bleib stark! 

Deine Sally